CoWorking ist nicht nur für reine Kopfarbeiter: Bausteln

Veröffentlicht am 23. September 2009 von Alexander Greisle in Kategorie: CoWorking Kultur, Gesellschaftliches, New Work, New Life, Interviews, Themenbeiträge | Trackback URL | Zur Diskussion

Bausteln? Ein Kunstwort aus: Bauen + Basteln. Statt langer Erklärungsversuche ein Interview mit Philip Steffan, dem Initiator von Bausteln:

Hallo Philip. Danke, dass Du unseren Lesern und uns ein paar Einblicke gibst. Bausteln setzt sich aus den beiden Begriffen “Bauen” und “Basteln” zusammen. Kannst Du uns kurz den Hintergrund erklären? Was sind die Ideen? Wie kam es dazu?

Es kamen zwei Dinge zusammen: Zunächst war ich auf der Suche nach einem Projekt oder einer Aufgabe, die mich irgendwie zufriedenstellen sollte. Ich dachte mir, dass es doch nicht so sein muss, dass einen der Lebensbereich “Arbeit” eher langweilt und währenddessen die Hobbys und Freizeitaktivitäten das sind, worauf man eigentlich Lust hat.

Außerdem war ich über das Internet schon länger mit der in den USA in den letzten Jahren gewachsenen neuen DIY-Bewegung aus dem Dunstkreis des Make Magazines in Berührung gekommen, die ich hierzulande noch nicht so recht wiederfinden konnte.

Die klassischen “Hackerspaces”, Orte für technische Kreativität, wie sie im Umfeld des Chaos Computer Clubs existieren, waren mir immer etwas zu elitär, da sie für Außenstehende oft eine stark geschlossene Gruppe darstellten.

Zeitgleich kam ich mit Sebastian Sooth und Christian Heller vom Hallenprojekt ins Gespräch. Irgendwann war die Idee da, einen Ort zu schaffen, wo man offen handwerklich und kreativ gemeinsam arbeiten kann.

Christian war es dann auch, der in einem nächtlichen Brainstorming auf den Begriff “bausteln” kam, nachdem wir längere Zeit darüber lamentiert hatten, dass es einfach kein deutsches Wort für eine manuelle kreativ-ausprobierende Tätigkeit gibt, bei dem nicht gleich eine negative oder missverständliche Bedeutung mitschwingt.

Mit dem Namen sind wir dann einfach mit einer Website online gegangen und haben mit einem Elektronik-Workshop angefangen. Das soll auch weiterhin nur ein Teilbereich des Baustelns sein, aber erstens hatte ich hier selbst ein wenig Vorerfahrung und außerdem passte es zu unserer Vorstellung davon, dass die technische Entwicklung seit früheren Heimwerkerzeiten ja nicht stehen geblieben ist und heute auch der Laie mit einfachen Mitteln schnell interaktive Geräte selbst bauen und programmieren kann.

Was Du erzählst erinnert mich unter anderem an “Marke Eigenbau” von Holm Friebe und sowie die Ideen von Fridjoff Bergmann. Sicher kein Zufall, oder?

Nein, sicher kein Zufall. Das Buch “Marke Eigenbau” kam genau zu einem Zeitpunkt, wo ich mir schon viele Gedanken gemacht hatte, aber immer noch unsicher war, ob das alles so funktionieren kann. Die Tatsache, dass da ein Buch erschienen war, das sehr viel von dem behandelt, was mich interessiert hat, half sehr bei der endgültigen Entscheidung, das
Thema auch tatsächlich anzupacken.

Dass Fridjoff Bergmann ebenfalls sehr viel theoretisch vorgeleistet hatte, wußte ich am Anfang gar nicht. Ich dachte, die Idee hinter dem “Hallenprojekt” würde sich allein auf Schreibtischplätze für Laptoparbeiter beziehen und dachte, dass man das doch gut auch auf
andere Formen von Arbeit ausdehnen könnte.

Erst später habe ich nachgelesen und festgestellt, dass das genau in Bergmanns Konzepten vorkommt. Passenderweise war ich ja selbst für mich gerade auf der Suche nach einer Arbeit, die mich “wirklich glücklich macht”.

Gibt es schon eine aktive Bausteln-Szene? Kannst Du etwas aus dem Nähkästchen plaudern, welche Menschen aktiv sind und mit welcher Motivation?

Wir haben hier in Berlin im Februar mit einer monatlichen Vortragsreihe gestartet, die wir einfach “Baustelmontag” genannt haben und die sich am Aufbau des Webmontags orientiert. Erstaunlicherweise kamen von Anfang an viele Leute, die ihre Projekte und Ideen vorgestellt haben. So kam man schnell ins Gespräch, lernte neue Menschen kennen und weiß inzwischen auch, wer jetzt genau was kann und welche Sachen lernen möchte.

Im Moment ist das ein eher loser Kreis von Personen, dem man seitdem in dem einen oder anderen Zusammenhang über den Weg läuft. Einige arbeiten aus einem künstlerischen Interesse heraus, viele wollen aber auch einfach nur mal wieder etwas anderes ausprobieren. Man merkt oft, dass der Wunsch da ist, Dinge in die Hand zu nehmen und selbst etwas zu schaffen, das nicht nur digital existiert.

Was sind denn beispielhafte bisherige Baustel-Produkte bzw. -Ergebnisse?

Mit Produkten halten wir uns noch zurück. Die Idee war ja eigentlich, anderen Menschen zu zeigen, was man einfach mal machen könnte, auch wenn man sich eigentlich für fachfremd hält – also von unserer Seite aus eher Bildung zu betreiben und Möglichkeiten zu eröffnen, anstatt selbst fertige Lösungen anzubieten.

Aus unseren Elektronikworkshops mit dem Arduino (einem kleinen Mikrocontroller, also einer Art Kleinstcomputer, der beliebig programmiert werden kann und als Herz verschiedenster Geräte wie z.B. interaktiver Lichtinstallationen, Computer-Eingabegeräte oder Roboter dienen kann) hat sich aber auch ein praxisnahes “Einsteigerset” ergeben, das wir seitdem auch über unsere Website verkaufen, und für das offenbar ein stetiger Bedarf besteht.

Sehr viel Spaß hat hier vor Ort ein zweitätiger Workshop in Zusammenarbeit mit der Berliner DIY-Shoppingplattform DaWanda gemacht: Dort wird überwiegend “traditionelles” Selbstgemachtes verkauft: Kleidung, Schmuck und Möbel. Wir sind da mit unserem Wissen um
interaktive Elektronik hinzugekommen, haben also die Handarbeiter/innen mit den Hackern zusammengesetzt.

Hinausgekommen sind Prototypen wie ein Strampelanzug für Babys, der auf Bewegung reagiert und ein Pärchen von “Fernbeziehungspinguinen”: Zwei Stofftiere, die über das Internet verbunden sind und die z.B. auf Berührung reagieren und dem jeweiligen entfernten Partner dies
signalisieren; etwa indem sie mit dem Flügel winken oder ein Herz aufleuchtet.

In diesen Momenten funktioniert das Bausteln dann so, wie ich es mir vorstelle: Viele Menschen sitzen in einem Raum, arbeiten kreativ und vor allem interdisziplinär an Projekten und lernen dabei voneinander.

CoWorking-Orte könnten ideale Baustel-Orte sein. Wie würdest Du beides zusammenbringen? Was müssen CoWorking-Orte können, damit Bausteln gut möglich ist?

An vielen Orten, die sich zum Coworken eignen, ist das ohne weiteres möglich: An Schreibtischen kann auch ohne Laptop gearbeitet werden, egal ob es Handarbeit ist oder man einen Prototyp für ein neuartiges Gerät zusammensetzt.

Problematisch sind natürlich laute Werkzeugmaschinen. Schon ganz früh im Konzept war klar: Sowas muß in einen eigenen Raum. Die Trennung zwischen der geistigen und der manuellen Arbeit im Coworking-Ort sollte aber nicht absolut sein; nach dem Motto: Das eine hier und das andere da. Die interessanten Ideen entstehen ja immer, wenn jemand dazu kommt und fragt “Was machst du denn da?”

Im Coworking-Ort, den ich selbst gerade aktiv “bespiele” und mitgestalte, dem Studio 70 in Berlin, fehlt uns leider genau die feste Schallisolierung zwischen Werkstatt und dem großen Mehrzweckraum. Laute Tätigkeiten sind daher meistens in die Abendstunden oder im Rahmen von Workshops verschoben.

Außerdem laden wir ab September dort jeden Mittwoch zum gemeinsamen “bausteln”, also ungezwungen gemeinsam herumzusitzen und Projekte zu entwickeln und auszuprobieren. Dann kann natürlich auch mal die Bohrmaschine oder Fräse angeworfen werden.

Wie sind Deine weiteren Pläne für und mit Bausteln?

Es gibt eine lange Liste von Dingen, die man “mal machen müsste”: Wir wollen in der nahen Zukunft erforschen, was alles mit unserem “Makerbot” möglich ist, einem Open-Source-3D-Drucker, den wir uns als Bausatz gekauft haben. Diese Geräte versprechen in letzter Konsequenz ja nichts anderes, als auch noch die Produktionswelt nachhaltig zu verändern.

Darüberhinaus: Workshops aller Arten, egal ob es um das Sägen, Löten oder Stricken geht. Im September fand auch im Rahmen der Berliner Popkomm-Ersatzveranstaltung “all2gethernow” bei uns “Handmade Music” statt, eine Mischung aus Workshop und Konzert rund um selbstgebaute elektronische Instrumente.

Außerdem bin ich am Festival atoms&bits beteiligt, das noch bis zum Sonntag weltweit stattfindet und wobei es um selbstgestaltete Arbeits- und Lebenswelten geht, also auch um Coworken und Do-it-yourself. Zum Abschluss, dem atoms&bits-Camp am 26. und 27. September in Berlin, bieten wir auch verschiedene Workshops und Vorträge an.

Nebenher soll auch noch der Onlineshop ausgebaut werden – dazu bedarf es noch einer funktionierenden Anschubfinanzierung. (Auch hier müssen wir wohl noch kreativ werden und uns selbst ein Finanzierungsmodell “bausteln” – warum nicht?)

Die Hoffnung ist natürlich immer, bei anderen ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass man durchaus auch komplexe Dinge selbst bauen kann und nicht nur darauf warten muss, dass die Industrie irgendwann genau das Gerät oder Objekt anbietet, was man immer schon vermisst hat.

Wichtig ist, dass eine solche Tätigkeit nichts mit muffigen Hobbykellern zu tun haben muss: Das Internet liefert die Möglichkeiten zum Wissensaustausch und zur Inspiration, dank “long tail” auch für Nischen-Ideen. Dafür geeignete Orte, wie man sie auch immer nennt, machen das alles zu einer äußerst sozialen und nicht zuletzt angenehmen Tätigkeit.

Philip, ganz herzlichen Dank für das Interview und das tolle Projekt!



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