Coworking und Genossenschaft: „Nur mit den richtigen Leuten!“

Veröffentlicht am 17. November 2009 von Felix Schürholz in Kategorie: CoWorking Klatsch & Tratsch, CoWorking Kultur, Podcasts, Praxisberichte, Beispiele, Best-Practice, Videos | Trackback URL | Zur Diskussion

Am 13.11.09 wurde in München auf einem Podium diskutiert, ob sich das Genossenschaftsmodell für Coworking Spaces eignet (wir berichteten). Vor dem Hintergrund der Prämissen des Hubs in Berlin und dem Blick auf die IT- Firma (7-it), vertreten durch ihren Vorstand Horst Härtel, die beide als Genossenschaft organisiert sind, fand ein sehr lebendiger Austausch von Meinungen und Erfahrungen statt.

Im Rahmen des Gesprächs wurde zunächst schnell deutlich, dass sich die Genossenschaft aufgrund der folgenden Punkte als Option für einen Coworking Space anbietet:

  • Demokratische Prinzipien
  • Selbständigkeit bewahren und trotzdem als Gemeinschaft auftreten
  • Stärkung des Einzelnen durch Zugriff auf verbilligte Produktionsmittel und günstigere Einkaufskonditionen
  • Teambildung für gemeinsame Projektarbeit und -akquise
  • Einfacher Beitritt zu und Ausstieg aus der Genossenschaft
  • Transparente Arbeitsabläufe und Regeln werden durch Gesellschaftsform begünstigt

Trotz dieser „Pluspunkte“ zeigte sich jedoch auch, dass das Gelingen der Genossenschaft äußerst abhängig ist von der „guten Chemie“ der beteiligten Personen und der Notwendigkeit sehr sozial in dieser Gesellschaftsform zu agieren. Wer den persönlichen Profit über das Gemeinwohl der Genossenschaft stellt, ist in dieser Verbindung fehl am Platz.

Anders, als bei der Firma 7-it, die als „virtuelle Firma“ ohne gemeinsames Büro agiert, müssen Coworking Spaces eine Immobilie betreiben. Der Betrieb einer gemeinschaftlich genutzten Immobilie bringt jedoch besondere Gefahren und Herausforderungen mit sich. In dem Moment etwa, wo ein Genossenschaftsmitglied mit vielen Anteilen aussteigt, ist der weitere Betrieb der Immobilie in hohem Maße gefährdet. Im Vergleich dazu, kann eine „virtuelle Firma“ in der Regel ohne größere Schwierigkeiten den Geschäftsbetrieb mit den verbliebenen Genossen weiterführen.

Der folgende kurze Podcast (Länge: 4 Minuten) gibt einige Stimmen und Gedanken der Veranstaltung wider:



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Ein Kommentar
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  1. Hallo Felix Schürholz,
    anbei einige Anmerkung zu Hub-Berlin und Genossenschaftsmodell. Ich weiß nicht in wie weit ihr in die Lage der self eG und des Hub-Berlin eingetaucht seid. Ich halte es allerdings für wenig aussagekräftig, die Eignung des Genossenschaftsmodells für einen Co-Working-Space anhand der aufgetretenen Probleme im Hub-Berlin zu beleuchten. Als Gründungsmitglied der self eG (und erstes Mitglied welches seine Kündigung eingereicht hat) sowie auf Grund meiner sonstigen Aktivitäten im Bereich Stadtentwicklung und Kulturwirtschaft erlaube ich mir die Einschätzung dass nicht das Genossenschaftsmodell das eigentliche Problem war bzw. ist. Dieses ist aus vielerlei Sicht sehr praktikabel und bewährt (siehe Entwicklung von Selbsthilfegenossenschaften und Dienstleistungsgenossenschaften, oder Krisentauglichkeit in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit zu Beginn des 20. Jhd). Auch in der Immobilienentwicklung hat sich das Modell wieder verbreitet und bewährt. Wo ich dir aber Recht gebe, die Betreibung einer Immobilie mit langfristigen Gewerbemietvertrag und Investitionsvolumen stellt ein gewisses Risiko dar.

    Andererseits bestehen in München andere Immobilienverhältnisse als in Berlin, die Bedingungen für eine erfolgreiche Vermarktung eines Co-Working-Spaces sind aus meiner Sicht günstiger. Berlin war lange Zeit geprägt von leerstehenden Gewerberäumen und günstigen Mietkonditionen. So gibt es in Berlin eine Vielzahl von Akteuren die sich in kleineren Gewerberäumen zusammengeschlossen haben um Ressourcen zu teilen und auch inhaltlich zu kooperieren ohne dass man gleich den Begriff Coworking Space oder Hub dafür genutzt hätte. Es gibt in Berlin viele Alternativen zu einem Hub-Szenario was die Vermarktung nicht unbedingt einfacher macht.
    Hohe Mietpreise für Gewerberäume in attraktiven Immobilienlagen in München sowie eher als entspannt zu bezeichnende Verhältnisse auf dem Immobilienmarkt aus der Sicht der Eigentümer und Vermieter in München sind aus meiner Sicht als begünstigende Faktoren für den Start eines Co-Working-Spaces zu betrachten. Als einzelner Akteur bzw. kleinere Gruppe den Schritt zur Anmietung einer Gewerberaumimobilie zu gehen und somit den ersten Schritt zur Professionalisierung der eigenen Arbeitsumgebung zu wagen erscheint mir in München um einiges schwieriger als in Berlin. Die Initiative eines Co-Working-Space Initiators findet in München daher wahrscheinlich eine bessere Resonanz als auf dem Berliner Markt.

    Die Frage nach der “guten Chemie” der beteiligten Personen und der Notwendigkeit sehr sozial in dieser Gesellschaftsform zu agieren ist im Grunde genommen eigentlich auch eine Grundvoraussetzung für jede Gesellschaftsform und weniger ein Problem des Genossenschaftsmodells.

    „Wer den persönlichen Profit über das Gemeinwohl der Genossenschaft stellt, ist in dieser Verbindung fehl am Platz.“ Hierzu bitte ich zu beachten dass eine Genossenschaft ein Wirtschaftsunternehmen ist und die wirtschaftliche Förderung seiner Mitglieder zum Zweck hat. Eine Genossenschaft ist kein Charity-Club … ; )
    Es ist daher sinnvoll, schon von Anfang an Vergütungsmodelle mit mehr als nur ideeller „Wertschätzung“ für Aufbauleistungen zu praktizieren … hier schlummert sonst viel Unmut für „explosive Chemie“ …
    Wenn es ein „Charity-Club“ sein soll, dann vielleicht keine klassische Genossenschaft gründen sondern eher in Richtung von Gemeinnützigkeit denken.

    Was große Anteilpakete betrifft. Jeder hat in der Genossenschaft nur eine Stimme unabhängig von der Höhe der gezeichneten Anteile. Jemand mit hoher Einlage tendiert jedoch schneller zu Anspruchdenken und geringe Einlagen dagegen begünstigen risikofreudigere Entscheidungen auf Grund eines geringeren Verlustrisikos. Auch hier kann es zu unterschiedlichen Stakeholderinteressen und somit Ärger kommen. Daher lieber auf ausgewogene Anteilzeichnung bei den Mitgliedern achten und ggf. Kreditvereinbarungen nutzen für den Fall dass jemand doch mehr Geld zur Verfügung stellen möchte.
    Ansonsten werden in der Regel auskömmliche Kündigungsfristen in der Satzung vereinbart, dass eine Gefährdung der Genossenschaft durch Kündigung eines Mitglieds nicht befürchtet werden muss. Hierzu wird z.B. in den ersten Jahren nach Gründung auch haüfig eine Sonderkündigungsfrist vereinbart um dieses Problem in der schwierigen Anfangsphase zusätzlich zu entschärfen.

    Ich hoffe dass ich hier ein paar nützliche Gedanken zur Verfügung stellen konnte und wünsche erst mal viel Erfolg für die nächsten Schritte in München … ; )

    Mit besten Wünschen aus Berlin,

    Jürgen Breiter

    Urban Curator | Strategie- und Konzeptentwicklung | Dipl.Ing. Architektur

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